Die Bindung zwischen Mensch und Pferd

(von Tommy Freundlich)

Eine ganz persönliche Geschichte über die Bindung zum Pferd, oder wie ich spürte dass mein Pferd mich versteht.

Als ich vor vielen Jahren mit dem Reiten begonnen habe, ich war ein Späteinsteiger, so mit Mitte zwanzig, wahr mir noch nicht bewusst wie tief eine Bindung zwischen Pferd und Mensch sein kann. Ich wurde, wie viele Reitschüler auf ein Pferd gesetzt und los ging es.

Die erste Stunde, ist mir noch immer im Gedächtnis, als ob es erst gestern war. Man muss wissen, dass ich aus dem Motorrad Rennsport komme und da alles, bis auf den Motor doch eher sehr kalt ist. So saß ich auf einem runden Haflinger im Westernsattel und wurde von links nach rechts geschaukelt. Es war ein ungewohntes, aber sehr schönes Gefühl. Es war das erste Mal, dass ich auf einem Pferd gesessen habe und dieses warme, schwankende etwas unter mir, hat es mir sofort angetan. Ich wusste schon nach ein paar Minuten, dass das was da unter mir war, mein Ding ist.

Es ist mir relativ leicht gefallen das Alpenschiff unter mir von einem zum anderen Ende der Halle zu steuern, was mich doch etwas verwundert hat. Heute weiß ich, dass Schulpferde das mit fast jedem tun, was aber damals meiner Euphorie keinen Abbruch tat. Das einzige was dieses Pony als Eigenheit hatte, war, dass wenn es keine Lust mehr hatte, mit jedem Reiter, einfach in eine Ecke zum pinkeln ging. Wer muss, der muss halt eben

Meine damalige Reitlehrerin hat sich auch ganz viel Mühe gegeben, mir das ein oder andere über Pferde beizubringen, aber bei einem Mann, der auch noch vom Motorradfahren kommt ist das nicht so einfach mit der Feinmotorik und dem Verständnis, etwas über Lebewesen zu lernen. Es wurde aber von Mal zu Mal besser.

Was mir jedoch damals nicht beigebracht wurde, war die Kommunikation mit Pferden.

Ich lernte zu reiten und dem Pferd Befehle zu erteilen, mir wurde immer gesagt, das Pferd muss so oder so funktionieren, aber auf das Befinden des Pferdes, außer gesundheitlich, wurde nicht eingegangen. Pferde waren immer nur ein reines Sportgerät, die zu gehorchen hatten. Mir ist damals auch sehr schnell, ob bewusst oder unbewusst das warme Gefühl vom Anfang abgegangen, so dass ich in die Mühle des Reiterlebens gekommen bin, was ich heute sehr verachte.

Klar gab es damals schon Horsemanship und solche tollen Menschen, wie J.C. Dysli, aber die waren bei uns auf dem Hof kein Thema, obwohl wir Westernreiter waren. Ich war auf einem Hof, der immer noch nach alten Traditionen geführt wurde, also mit veralteten Regeln und Bewusstsein.

Es ist dann gekommen wie es kommen musste, nach einem halben Jahr war ich Besitzer meines ersten Pferdes und total überfordert mit einem gerade angerittenen Painthorse. Diese Geschichte ist dann aber eine Andere!

Auf dem Hof gab es dann eine Trainerin, die hochklassige Turniere wie z. B. in Kreuth gegangen ist, was für mich als Motorsportler natürlich schnell ein Anreiz wurde. So bin ich in die zweite Mühle gekommen, des Turniersports. Möchte hier nicht über den Turniersport herziehen, es gibt ganz tollen Sport, in dem das Pferd im Mittelpunkt steht, aber ich habe es halt etwas anders kennengelernt und dann auch leider ausgeübt. Das alles hat mit der Bindung, die ich heute mit meinen Pferden habe, nichts zu tun. Das Ganze ist abgedriftet in eine sehr oberflächliche Beziehung, in der mein Pferd einfach funktionieren musste. Weiter möchte ich dann hier nicht darauf eingehen. Ich wusste es damals nicht anders und hatte nicht die Möglichkeiten, die es heute gibt, allein schon im Internet, sich weiter zu bilden. Das alles soll auch keine Entschuldigung für meine Engstirnigkeit sein.

Nach ein paar Jahren habe ich dann das Umfeld mit meinem Pferd verlassen und zog in einen Stall, in dem es keine Turnierreiter gab. Die Menschen gingen anders mit ihren Pferden um! Das war zwar alles noch kein zusammenarbeiten im Gedanken von Horsemanship, aber die Reiter waren lieber mit ihren Pferden stundenlang im Gelände, anstatt in der Halle oder auf dem Platz. Der ganze Hof hat eine Ruhe ausgestrahlt, wie ich es nicht kannte. Es war wie Urlaub!

Keiner der Einsteller beobachtete den Anderen, was dieser heute schon mit seinem Pferd „gearbeitet“ hat. Nein im Gegenteil, sie waren glücklich, „nur“ im Wald gewesen zu sein. Ich, der nur das mit dem Turniersport kannte, war auf einmal in einer anderen Welt. Ich trainierte von da ab allein mit meinen, da dann schon 2 Pferden, ohne dass jemand an der Bande gestanden und geschaut hätte was ich heute wieder mache. Es war eine ganz entspannte Atmosphäre, in der ich und meine Pferde richtig auftauten aus der Eisglocke, in der wir eingefroren waren.

Ich möchte hier nicht sagen, dass alles schlecht war und ich gar keine Bindung zu meinem Pferd hatte, aber in meinem neuen Umfeld ist alles viel intensiver gewachsen und ich habe das erste Mal über den berühmte „Tellerrand“ hinausgeschaut.

Wir sind dann noch, dass ein oder andere Turnier gegangen, aber es war für mich nicht mehr so wichtig und irgendwann, nach einer Verletzung, die mein Pferd von der Deutschen Meisterschaft mitgebracht hat, war es ganz vorbei und ich habe mich viel mehr um das Thema Horsemanship, oder wie man zu sich und seinem Pferd findet verschrieben. Ich habe viel beobachtet, was auf der Koppel passierte und wie meine Pferde mit anderen umgehen, habe viel Zeit mit meinen Beiden verbracht, auch ohne zu trainieren. Zu einem, der mittlerweile weit verbreiteten „Gurus“ zu gehen, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Klar hat man mittlerweile das eine oder andere Buch gelesen, aber mir war immer wichtiger, eigene Erfahrungen zu sammeln. Was nicht heißt, dass ich das, was gelesen habe, nicht auch versucht habe, bei meinen Pferden umzusetzen. Langsam konnte ich mich auch mehr und mehr im Internet informieren und bin so auch auf Kurse gegangen. Wie so viele, habe ich mir aber nur das rausgesaugt, was ich für mich umsetzen konnte und wollte. So ist ein Mix aus ganz vielen Ansetzen des Horsemanship in meine Arbeit eingeflossen.

Für mich wurde es wichtig, erst auf das Pferd einzugehen mit dem ich trainiere. Ich beobachte jeden Tag aufs Neue, wie der Gesundheits- und auch der Gemütszustand meiner Vierbeiner ist. Pferde sondieren uns in dem Moment in dem wir auf den Hof kommen, also mache ich es genauso. Wenn ich aus dem Auto steige, schaue ich erst auf die Koppel oder den Paddock, ohne dass mich meine Pferde sehen und beobachte sie ein paar Minuten. Wenn man seine Pferde kennt, erkennt man schnell wie die Laune heute ist. Nach diesem und nach anderen Faktoren, entscheide ich was ich heute mit Ihnen mache. Ich lege mir eigentlich nie einen festen Plan zurecht, was heute gemacht wird.

Nun aber zurück zur Bindung!

Bindung kann man nicht erzwingen, Bindung muss wachsen. Es müssen beide, Mensch und Pferd, dazu bereit sein sich zu öffnen um den anderen in sein Bewusstsein zu lassen. Dann, nur dann kann eine Bindung zwischen zwei Lebewesen entstehen. Dazu gehört Vertrauen, kann ich meinem Pferd vertrauen, aber noch wichtiger, kann mein Pferd mir vertrauen? Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir uns in die Gedankenwelt unserer Pferde versetzen können.

Wir müssen lernen wie ein Pferd zu denken und nicht verlangen, dass unser Pferd wie wir, wie ein Mensch, denkt!

Ich sehe immer wieder wie Pferdemenschen versuchen Pferde zu vermenschlichen und sich dann wundern, dass irgendwann das Pferd versucht sich dagegen zu wehren.

Unsere Pferde folgen Instinkten und wenn wir ihnen nicht den Schutz bieten, den sie brauchen, werden sie die Bindung lösen und sich sprichwörtlich vom „Acker“ machen.

In meinen vielen Stunden, die ich mit meinen und auch fremden Pferden verbracht habe, konnte ich lernen, ein wenig wie ein Pferd zu denken und zu fühlen. Durch das Studieren der Anatomie und Biomechanik des Pferdes, wurde mir auch bewusst, was ein Pferd körperlich kann und was nicht. Wenn ich jetzt mit Pferden trainiere, ist es, als ob ich in sie reinschlüpfe und jede Biegung, jeden Schritt selbst mache, ob vom Boden oder im Sattel.

Bindung ist also nicht nur geistig, sondern auch körperlich spürbar.

Meine Schüler fragen mich oft, wie kann ich die Bindung zu meinem Pferd, so wie du es hast bekommen? Ich sage immer nur, dass ich es dir nicht beibringen kann, ich kann dir nur den Weg zeigen, gehen musst du ihn allein. Irgendwann wirst du es fühlen und diese Bindung ist da. Ich habe immer eine Gänsehaut dabei, wenn dieser, für mich noch immer magische Moment der absoluten Bindung da ist. Es gibt ihn nicht jeden Tag, aber er stellt sich immer öfter ein, wenn man es zulässt.

Dann kannst du das Halfter abnehmen und nichts, aber auch gar nichts wird Euch in diesem Moment trennen!

Tommy Freundlich, Horse in Motion

 

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